Im Bett mit russischen Öl- und Gasgiganten

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Medienmitteilung, 11.3.2022

Öl- und Gas-Exporte speisen Putin’s Kriegskasse. Wie stark der Schweizer Finanzplatz daran beteiligt ist, zeigt eine Recherche einer Koalition verschiedener Organisationen und Einzelpersonen. Sie fordern die Schweizer Finanzinstitute dazu auf, ihr Geld in erneuerbare Energien statt aggressive Autokraten zu stecken. 

Die Vereinigten Staaten haben am Dienstag angekündigt, russisches Öl, Gas und Kohle zu boykottieren; und die Finanzinstitute anzuweisen, Geschäftsverbindungen zu Firmen, die im russischen Energiesektor tätig sind, zu kappen. [1] Ob die EU und allenfalls auch die Schweiz mitziehen, ist noch unklar. Fest steht aber, dass Schweizer Finanzinstitute starke Verbindungen zur russischen Öl- und Gas-Industrie haben. Das zeigt eine Recherche, die von einer Koalition verschiedener Organisationen und Einzelpersonen beim Recherchedienstleister DataCatering in Auftrag gegeben wurde.

Hunderte Millionen für Gazprom

[2] Mit rund 400 Millionen US$ waren Schweizer Finanzinstitute vor Kriegsbeginn an Gazprom beteiligt. Den Löwenanteil hielt die Genfer Privatbank Pictet mit 185 Millionen, was sie zu Gazproms 11-grösstem Investor machte und ihr bei der letzten Dividendenausschüttung im Frühjahr 2021 umgerechnet mehr als 7 Millionen US$ einbrachte. [3] Es folgen die Credit Suisse (110M) und die UBS (64M). Doch nicht nur die privaten Schwergewichte des hiesigen Finanzplatzes sind an Putins carbon-to-war-Maschinerie beteiligt, auch die Kantonalbanken der Kantone Zürich (16M), St. Gallen (2.7M) und Waadt (1.7M) [4] sowie mit grösster Wahrscheinlichkeit auch die Schweizerische Nationalbank [5] investierten Millionen in Gazprom. Ob und in welchem Umfang diese Beteiligungen verkauft wurden, hat keines der genannten Finanzinstitute öffentlich kommuniziert. 

Gazprom ist nur ein Beispiel unter vielen. Insgesamt hielten die Schweizer Finanzinstitute vor Kriegsausbruch mindestens 1.4 Milliarden US$ an russischen Öl- und Gaskonzernen wie Rosneft, Novatek, Lukoil, Tatneft oder der bereits genannten Gazprom. 

Drohen der CS erneut Abschreibungen?

Die grossen Schweizer Banken investieren aber nicht nur in die russische Öl- und Gas-Industrie, sondern sie stellen auch Kredite zur Verfügung. So hat die Credit Suisse 2018 Gazprom über 500 Millionen US$ geliehen, [6] um am Fluss Amur unweit der chinesischen Grenze eine der grössten Gasverarbeitungsanlagen der Welt zu errichten. [7] Die Laufzeit des Kredits beträgt 17 Jahre, so dass die CS bis 2036 geschäftlich an Gazprom gebunden ist. Ob diese den Zinsforderungen nachkommen wird, ist ungewiss und die Gefahr hoher Abschreibungen für die CS hoch.

Kredite an Zuger Handelsmultis

Enge Kontakte pflegen die beiden Grossbanken auch zu den Händlern von russischem Öl und Gas. Rund 80% der russischen Rohstoffe werden über die Schweiz gehandelt. [8] Alleine Glencore liehen UBS und CS seit 2018 je 1.5 Milliarden US-Dollar, Vitol 870 Millionen und Gunvor 700 Millionen. [9]

Nora Scheel, Kampagnenleiterin bei Campax: “Durch diese Investitionen, Kredite, Handelsfinanzierungen und Versicherungen finanziert der Schweizer Finanzplatz indirekt Putins Krieg gegen die Ukraine.” Öl und Gas machen 50% der russischen Exporte und 36% des Staatsbudgets aus. [10] Diese Werte sind inzwischen aufgrund der Sanktionen wohl noch gestiegen.

Erneuerbare statt Autokrat:innen fördern

Die Koalition fordert darum alle Schweizer Finanzinstitute dazu auf, sämtliche Finanzdienstleistungen für russische Energieunternehmen aus den Bereichen Kohle, Öl und Gas einzustellen. Das bedeutet namentlich, diesen Unternehmen keinerlei neue Finanzierungen, Investitionen, Versicherungen und andere Finanzdienstleistungen mehr zur Verfügung zu stellen und sich von bestehenden Anlagen zu trennen. Eine Liste dieser Unternehmen wurde von der Organisation «Reclaim Finance» publiziert.

Der Boykott der russischen Energieproduktion darf aber auf deinen Fall dazu führen, dass russisches Öl und Gas mit anderen fossilen Energieträgern ersetzt wird. Denn, um die ukrainische Klimawissenschaftlerin und Co-Autorin des jüngsten IPCC-Berichts Svitlana Krakovska zu zitieren: «Der vom Menschen verursachte Klimawandel und der Krieg gegen die Ukraine haben die gleichen Wurzeln – fossile Brennstoffe und unsere Abhängigkeit davon.» [11] Der Ausstieg aus fossilen Energien ist überfällig und der Krieg in der Ukraine zeigt nur einmal mehr, wie folgenschwer unsere Abhängigkeit davon ist.

Guillaume Durin, Kampagnenleiter bei BreakFree: “Die globale Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führt weiterhin überall zu Konflikten. Wir müssen unbedingt einen raschen und gerechten Übergang einleiten, der insbesondere auf umfassenden Bemühungen um Energieeinsparungen und einer erneuerbaren Energieversorgung beruht. Erneuerbare Energien, die dezentraler und leichter zugänglich sind, können unsere Autonomie und unsere Fähigkeit, den Frieden zu verteidigen, verbessern.“

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Zu den detaillierten Zahlen

Zur Koalition gehören:

  • Organisation Campax
  • Organisation BreakFree
  • Organisation fossil-free.ch
  • Christian Lüthi, Klima-Allianz

Medienkontakt: Nora Scheel, Campax, [email protected], 044 500 76 04/ 079 614 32 74

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Quellen

[1] Der genaue Umfang ist noch unklar. https://www.whitehouse.gov/briefing-room/statements-releases/2022/03/08/fact-sheet-united-states-bans-imports-of-russian-oil-liquefied-natural-gas-and-coal/

[2] In einer ersten Publikation vom 11. März lagen einige Abweichungen bei den Investitionsangaben vor. Diese wurden in einem Update vom 14. März korrigiert.

[3] Die Dividenden werden jeweils an der Generalversammlung festgelegt und danach ausbezahlt. So betrug die Dividende pro Aktie für das Jahr 2020 12.55 Rubel.

[4] Quelle: DataCatering DataCatering basierend auf der Wirtschaftsdatenbank Refinitiv. Stand 4.3.2022

[5]  https://www.tagesanzeiger.ch/nationalbank-prueft-verkauf-russischer-wertpapiere-im-wert-von-ueber-100-millionen-624237608351

[6] Quelle: DataCatering basierend auf der Wirtschaftsdatenbank Refinitiv.

[7] https://www.gazprom.com/projects/amur-gpp/

[8] https://www.s-ge.com/sites/default/files/publication/free/wirtschaftsbericht-russland-2021-12.pdf

[9] Quelle: DataCatering DataCatering basierend auf der Wirtschaftsdatenbank Refinitiv.

[10] https://www.reuters.com/markets/europe/russias-oil-gas-revenue-windfall-2022-01-21/

[11] https://bankonourfuture.org/news/ukraine-letter-to-global-finance/

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7 replies added

  1. Urs März 13, 2022 Antworten

    -Warum sammelt Ihr nicht Unterschriften gegen die Unternehmen, welche Putin über Öl und Gas finanzieren?
    -Gibt es in Deutschland keine Campax-ähnliche Organisation?Wenn Deutschland gegenüber Russland den Gas- und Öl-Hahn zudreht / boykottiert, dann wird es für die Russen schwieriger, den Krieg fortzusetzen….lieber wir frieren alle etwas oder heizen ökologischer, dafür überleben mehr Menschen….

    • Nora Scheel März 29, 2022 Antworten

      Das haben wir uns überlegt, haben aber derzeit nicht genügend Ressourcen dafür, solch eine Kampagne zu lancieren. Unsere Schwester-Organisation in Deutschland heisst „Campact“ – ich bin mir nicht sicher, ob sie etwas ähnliches geplant haben. Liebe Grüsse, Nora von Campax

  2. Thomas Meyer März 14, 2022 Antworten

    Die Spalte ist viel zu breit, das ist nicht leserlich so. Bitte halbieren. Danke!

  3. Beatrice Werffeli März 14, 2022 Antworten

    Alle Gas und Öllieferungen SOFORT stoppen
    Es wird schwierig
    Aber diese Kriegskasse muss zerstört werden

  4. Marcela Staub März 14, 2022 Antworten

    Es ist traurig dass wir in der Schweiz indirekt mitverantwortlich sind mit Putins Krieg gegen die Ukraine; so lange wir sein Gas weiter kaufen und unsere Finanzinstitutionen russische Öl Händler Geld liehen…

  5. Irena März 15, 2022 Antworten

    Danke. Gibt es schon diesbezügliche petitionen bzw volksinitiativen, die wir unterschreiben können?

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