Journalismus unter Druck: Wer recherchiert, wenn niemand mehr hinschaut?
Am 20. August fand in Bern der vierte Anlass unserer Reihe «Gemeinsam Widerstand gegen den Backlash aufbauen» statt. Dieses Mal ging es um Journalismus: Wie verändert der gesellschaftliche Rechtsruck die Arbeit von Journalist*innen? Was passiert, wenn Drohungen und Einschüchterungsversuche auf eine Medienbranche treffen, die ohnehin unter finanziellem Druck steht? Und was können wir tun, damit kritischer Journalismus weiterhin möglich bleibt?
Zu Gast waren Anna Bursian von FLIMMER.MEDIA und Jan Jirát von der WOZ. Zwei Journalist*innen mit unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Erfahrungen, die an diesem Abend deutlich machten: Der Druck auf den Journalismus hat viele Gesichter.
Inhaltsverzeichnis
Wenn Recherche persönlich wird
Anna Bursian sprach über eine Seite journalistischer Arbeit, die in fertigen Artikeln oft unsichtbar bleibt: Was macht es mit einem Menschen, wenn auf eine Recherche plötzlich Beleidigungen, sexualisierte Nachrichten und Drohungen folgen?
Bei ihrer Arbeit zu rechtsextremen Strukturen wurde Bursian selbst zum Ziel. Die Angriffe richteten sich nicht nur gegen sie, sondern auch gegen ihre Familie. Die Situation wurde so ernst, dass professionelles Bedrohungsmanagement eingeschaltet werden musste. Was im Internet als «nur digital» erscheinen kann, hat sehr reale Folgen.
Auch heute beeinflusst diese Erfahrung ihre Arbeit. Bei besonders heiklen Recherchen kann sie teilweise nicht unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen. Das schützt sie, bedeutet aber gleichzeitig, auf etwas verzichten zu müssen, das für Journalist*innen selbstverständlich sein sollte: öffentlich zu der eigenen Arbeit stehen zu können und Anerkennung dafür zu erhalten.
Bursian machte zudem deutlich, dass solche Angriffe nicht alle gleich treffen. Journalistinnen erleben zusätzlich sexistische und sexualisierte Formen der Einschüchterung. Jan Jirát betonte deshalb auch die Unterschiede zwischen ihrer Arbeitssituation und seiner eigenen: Als festangestellter Journalist kann er auf eine Redaktion, juristische Unterstützung und ein Team zurückgreifen. Diese Strukturen bieten Schutz, den freie Journalist*innen oft nicht im gleichen Mass haben.
Weniger Geld, weniger Zeit, weniger Kontrolle
Doch der Druck kommt nicht nur von aussen. Jirát richtete den Blick auf die strukturelle Krise des Journalismus.
Über Jahrzehnte finanzierten sich viele Zeitungen zu einem grossen Teil durch Inserate. Mit dem Aufstieg des Internets und grosser digitaler Plattformen brach dieses Geschäftsmodell zunehmend weg. Redaktionen wurden kleiner, Stellen gestrichen und Journalist*innen verliessen den Beruf.
Das hat nicht nur quantitative Folgen. Mit erfahrenen Journalist*innen verschwinden Wissen, Kontakte und jahrelang aufgebaute Netzwerke. Gleichzeitig fehlt zunehmend die Zeit für aufwendige Recherchen, die sich über Monate oder sogar Jahre ziehen können.
Gerade diese Arbeit ist für eine demokratische Gesellschaft zentral. Wer untersucht politische und wirtschaftliche Machtverhältnisse? Wer überprüft Aussagen von Behörden und Unternehmen? Wer bleibt über Monate an einer Geschichte dran, wenn niemand dafür bezahlt?
Während journalistische Ressourcen schrumpfen, verschwinden politische Interessen natürlich nicht. Im Gegenteil: Finanzstarke Akteur*innen können eigene Medienkanäle aufbauen und ihre Botschaften direkt verbreiten. Eine geschwächte Medienlandschaft bedeutet deshalb auch eine geschwächte gesellschaftliche Kontrolle.
Hinzu kommt der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz. Für Journalist*innen kann KI eine enorme Entlastung sein, etwa beim Transkribieren langer Interviews oder beim Auswerten grosser Datenmengen. Gleichzeitig entstehen neue Fragen: Was passiert, wenn Meldungen automatisiert verarbeitet und unkritisch übernommen werden? Und was bedeutet die Technologie für Medienhäuser, in denen ohnehin Stellen abgebaut werden?
Guter Journalismus braucht Unterstützung
Die Diskussion blieb aber nicht bei der Krisendiagnose stehen.
«Guter Journalismus kostet», lautete eine der zentralen Botschaften des Abends. Recherche braucht Zeit, Wissen und Menschen, die diese Arbeit machen können.
Unterstützung kann dabei erstaunlich konkret sein: ein Abo bei einem unabhängigen oder lokalen Medium lösen, Recherchen teilen oder Journalist*innen positives Feedback geben. Gerade wenn Hasskommentare und organisierte rechte Gegenöffentlichkeiten besonders sichtbar sind, ist es wichtig, dass auch Solidarität sichtbar wird.
Dabei muss ein Medium nicht in jeder Frage die eigene politische Haltung vertreten. Auch lokale Zeitungen, mit denen man nicht immer einer Meinung ist, erfüllen eine wichtige demokratische Funktion. Wenn sie verschwinden, verschwindet häufig auch die journalistische Beobachtung dessen, was vor Ort passiert.
Und Widerstand bedeutet nicht nur, auf Angriffe zu reagieren. Jirát erinnerte daran, auch die Geschichten jener Menschen sichtbar zu machen, die sich organisieren, recherchieren und gemeinsam etwas verändern wollen.
Am Ende führte die Diskussion deshalb zu einer Frage zurück, die sich durch unsere gesamte Backlash-Reihe zieht: Was können wir selbst tun? Die Antwort muss für jede Person anders aussehen, abhängig von den eigenen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen. Entscheidend ist, nicht alleine zu bleiben.
Denn kritischer Journalismus ist keine Selbstverständlichkeit. Damit Journalist*innen weiterhin hinschauen können, braucht es Menschen, die ihre Arbeit ermöglichen, schützen und unterstützen.
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