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«David gegen Goliath» heisst neu Musovic gegen Rapinoe

Laura Rivas Kaufmann

Die Achtelfinalpartien der Frauen-WM zeigten, dass es auch kleine Nationen weit bringen können und Held*innen scheitern dürfen. Die Journalistin, Aktivistin und Designerin Laura Rivas Kaufmann begleitet uns in vier Blogbeiträgen durch die Fussball-WM der Frauen. 

Erfolg beruht im Fussball wie in der Arbeitswelt nicht nur auf Fleiss. Dass Geld dabei eine wichtige Rolle spielt, zeigt der Fall Jamaikas. Die karibische Nation mit gerade einmal knapp 3 Millionen Einwohner*innen schaffte es mit 90’000 Dollar fast bis ins Viertelfinale. Das jamaikanische Team hatte vom Verband nicht genügend finanzielle Unterstützung zur WM-Vorbereitung, sowie für die anfallenden Kosten für Reise und Unterkunft während der WM zugesprochen erhalten. Kurzerhand wurden von Personen aus dem Umfeld des Teams zwei Crowdfunding-Kampagnen gestartet, durch welche mehr als 90’000 Dollar gesammelt werden konnten. Jamaika zeigte danach auf eindrückliche Art und Weise, was die finanzielle Unterstützung vieler Einzelpersonen bewirken kann. Das kleine Land schaffte es bis ins Achtelfinale. Dort scheiterten die Jamaikanerinnen dann ganz knapp an Kolumbien.

Visual von @curryproduction (IG)

Kolumbien selbst hatte zuvor die Fussballnation Deutschland in der Gruppenphase besiegt und dazu beigetragen, dass diese noch vor der K.o.-Phase den Heimweg antreten musste. Es war eine Schmach aus der Sicht der Deutschen, die im Jahr noch Vize-Europameisterinnen geworden waren.
Auch den USA, der Nation, die den Frauenfussball so lange dominiert hatte und in der Vergangenheit vier Weltmeistertitel geholt hatte, erging es an diesem Turnier nicht besser. Schwedens Torhüterin Zecira Musovic hielt in einem dramatischen Achtelfinale alles, was es zu halten gab. Bei ihrem Verein Chelsea ist sie nicht als erste Torhüterin gesetzt, doch der schwedische Trainer glaubte an sie. Und Amerikanische Grössen wie Alex Morgan scheiterten während der regulären Spielzeit an ihr.
Das international meistbeachtete Scheitern war jedoch der Elfmeter von Fussballerin und Aktivistin Megan Rapinoe. Sie hatte vor dem Turnier bereits ihren Rücktritt bekannt gegeben und plötzlich schien auch ihr zu dämmern, dass dies bei einem verlorenen Elfmeterschiessen ein unrühmliches Ende ihrer Karriere für das amerikanische Team sein würde. Der Ball ging weit übers Tor und was tat Rapinoe? Sie lachte. Viele Menschen in den Sozialen Medien waren entsetzt. Wie kann sie es wagen, nicht traurig oder wütend zu sein?
Den Amerikanerinnen war in heimischen Medien bereits zuvor vorgeworfen worden, dass sie sich zu sehr gefreut hätten nach dem sehr knappen 1:0 Sieg gegen das kleine Portugal. Als Rapinoe nach dem schlechtesten Abschneiden aller Zeiten vor die Medien trat, sagte sie sinngemäss: «Es fühlte sich an wie ein schlechter Witz. Aber ich bin jetzt 38 Jahre alt, ich bin in Therapie – das Leben geht weiter. Irgendwie ist es auch lustig. Ihr dachtet alle, dass ich treffen würde…und dann schiesse ich den Ball weit hoch in den Himmel.» Den USA, die so gerne den Spruch «The sky is the limit» benutzen, waren die Grenzen aufgezeigt worden. Und ist es nicht genau Rapinoes Umgang mit der Niederlage, der vorbildlich ist für alle Menschen, die sie bewundern? Dass es sich immer lohnt zu kämpfen, man jedoch nicht immer gewinnen kann.

Das Schweizer Frauenteam bekam das ebenfalls schmerzlich zu spüren. Mit 1:5 waren die Schweizerinnen im Achtelfinale untergegangen. Dies war insbesondere für die langjährige Torhüterin Gaëlle Thalmann ein bedauerliches Resultat, hatte sie doch so eine gute WM gezeigt. Doch solche Ereignisse zeigen auch, dass eine Karriere nicht an einzelnen Erfolgen und Niederlagen gemessen werden kann. Dass rund 230’000 Schweizer*innen ihr letztes Spiel fürs Nationalteam sehen würden, hätte wohl auch Thalmann vor wenigen Jahren für eine übertriebene Prophezeiung gehalten. Diese Zahlen sind eine positive Entwicklung.
In finanzieller Hinsicht entging den Schweizerinnen mit dieser Niederlage viel Geld. Die 52’000 Franken, die sie nun pro Person an Prämien von der FIFA erhalten, sind jedoch ebenfalls ein grosser Fortschritt für den Frauenfussball. Dieser Betrag übersteigt das Jahresgehalt so mancher Fussballerin weltweit. Doch wichtig ist neben angemessener finanzieller Entschädigung auch die mediale Berichterstattung. Diese ist in der Schweiz bei diesem Turnier quantitativ fast auf der Höhe der Berichterstattung über das Nationalteam der Männer angelangt. Ein paar letzte Gegner des Frauenfussballs gibt es nach wie vor, doch es werden mit jedem Jahr weniger.

Noch zwei Jahre dauert es, bis die Frauen-EM in der Schweiz stattfinden wird und wir, wie auch die Teams unserer Nachbarländer, sind hungrig. Österreich war gar nicht erst bei der WM dabei, Italien und Deutschland scheiterten in der Gruppenphase und die Schweiz schaffte es leider auch nicht über das Achtelfinale hinaus. Wer 2025 erfolgreich sein wird, entscheidet nicht nur Fleiss. Nun ist es an diesen Ländern auf Verbands- und Vereinsebene weiter in den Frauenfussball zu investieren. Und die Frauen-Nationalteams brauchen Fans, die ihnen weiterhin den Rücken stärken.

Hier könnt ihr Laura auf ihren beiden Instagram-Accounts folgen: @laurarivask und @football_has_no_gender.

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