Warum feministische Rechte verteidigt werden müssen
Am 14. Juli fand das dritte Webinar unserer Veranstaltungsreihe «Gemeinsam Widerstand gegen den Backlash aufbauen» statt. Nach der historischen Einordnung des Backlashs und einem kritischen Blick auf die Schweizer Demokratie ging es dieses Mal um einen Bereich, der besonders stark von reaktionären Gegenbewegungen betroffen ist: feministische Errungenschaften.
Gemeinsam mit Giulia Petralli, Grossrätin der Grünen im Tessiner Kantonsparlament und Gewerkschaftsmitarbeiterin beim VPOD, diskutierten wir darüber, wie antifeministischer Backlash entsteht, wer ihn vorantreibt und was wir ihm entgegensetzen können. Petralli verband dabei eine internationale Analyse mit konkreten Beispielen aus dem Tessin. Der italienischsprachige Abend wurde von Laura Guscetti moderiert, Jen Buchli von Campax übernahm den technischen Support.
Inhaltsverzeichnis
Backlash setzt Fortschritt voraus
Ein Backlash ist mehr als konservative Kritik an gesellschaftlichen Veränderungen. Er ist eine Gegenreaktion, die darauf abzielt, bereits erreichte Fortschritte zu delegitimieren, abzuschwächen oder rückgängig zu machen.
Die US-amerikanische Journalistin Susan Faludi prägte die feministische Debatte über den Begriff mit ihrem 1991 erschienenen Buch «Backlash: The Undeclared War Against American Women». Darin untersuchte sie, wie konservative Politik und Medien feministische Errungenschaften angriffen. Frauen wurde vermittelt, ihre Emanzipation sei nicht die Lösung ihrer Probleme, sondern deren Ursache: Feminismus zerstöre angeblich Familien, mache Frauen unglücklich und führe zu gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. (1)
Diese Umkehrung ist charakteristisch: Nicht bestehende Ungleichheiten werden als Problem dargestellt, sondern die Bewegungen, die sie überwinden wollen.
Ein Backlash entsteht gerade dann, wenn gesellschaftliche Veränderungen erfolgreich waren oder bestehende Privilegien ernsthaft infrage stellen. Dass es Gegenwehr gibt, bedeutet deshalb auch, dass zuvor etwas in Bewegung geraten ist. Gleichzeitig zeigt der Backlash, dass einmal erkämpfte Rechte nicht automatisch für immer gesichert sind. Fortschritt verläuft nicht geradlinig – Rechte müssen immer wieder verteidigt werden.
Vom Recht auf Abtreibung bis MeToo
Wie schnell vermeintlich gesicherte Rechte verloren gehen können, zeigt die Entwicklung in den USA. Das Urteil «Roe v. Wade» schützte während fast fünf Jahrzehnten das Recht auf Schwangerschaftsabbruch auf Bundesebene. 2022 hob der Oberste Gerichtshof diesen Schutz mit dem Urteil «Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization» auf. Seither hängt der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen wieder stark vom jeweiligen Bundesstaat ab. (2)
Auch die Reaktionen auf die MeToo-Bewegung zeigen, wie antifeministischer Backlash funktioniert. MeToo machte sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch weltweit sichtbar. Betroffene wurden öffentlich gehört und Verantwortliche konnten zur Rechenschaft gezogen werden.
Schon bald verschob sich die Diskussion jedoch teilweise weg von der Gewalt und hin zu den angeblichen Gefahren für beschuldigte Männer. Es entstand die Erzählung, Männer dürften «gar nichts mehr sagen» und MeToo habe eine moderne «Hexenjagd» ausgelöst, bei der diesmal die Männer die Hexen seien. Diejenigen, deren Verhalten kritisiert wurde, erschienen plötzlich als Opfer.
Der Backlash leugnet also nicht nur gesellschaftliche Probleme und bedroht bereits errungene Rechte, sondern verändert häufig auch die Perspektive: Statt über Gewalt, Diskriminierung oder ungleiche Machtverhältnisse zu sprechen, wird über die vermeintliche Bedrohung jener diskutiert, deren Privilegien infrage gestellt werden.
Viele Akteur*innen, ein gemeinsames Ziel
Antifeministischer Backlash wird nicht von einer einzigen Organisation gesteuert. Konservative und rechtspopulistische Parteien, religiöse Organisationen und finanzstarke Stiftungen arbeiten mit ähnlichen Botschaften, verstärken sich gegenseitig und bilden internationale Netzwerke.
Sie kämpfen gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, gegen LGBTQIA+-Rechte und gegen Familienformen, die nicht ihrem traditionellen Gesellschaftsbild entsprechen. Häufig wird behauptet, Männer, Kinder oder die «traditionelle Familie» müssten vor dem Feminismus und einer angeblichen «woken Ideologie» geschützt werden.
Eine zentrale Rolle spielen soziale Medien. In der sogenannten Manosphäre werden Männer als Verlierer gesellschaftlicher Veränderungen dargestellt. Persönliche Unsicherheit, Einsamkeit oder Frustration erscheinen dort als Folge feministischer Fortschritte.
Solche Angebote können gerade für junge Menschen attraktiv sein, weil sie einfache Erklärungen, klare Feindbilder und ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Auch Jugendliche und junge Erwachsene werden deshalb von antifeministischen und extrem rechten Erzählungen erreicht.
Doch es gibt nicht nur konservative Akteure. Als Beispiel nannte Petralli die Tessiner Gruppe «Ma Quali Maschi», in der sich Männer kritisch mit traditionellen und gewaltfördernden Vorstellungen von Männlichkeit auseinandersetzen. Solche Angebote schaffen Alternativen zur Manosphäre: Räume, in denen Männer Unsicherheiten und gesellschaftliche Veränderungen besprechen können, ohne Frauen oder queere Menschen dafür verantwortlich zu machen.
Backlash im Tessin
Dass antifeministische Gegenreaktionen nicht nur in den USA oder in autoritär regierten Staaten vorkommen, zeigte Petralli anhand einer politischen Debatte aus dem Tessin.
In einer Kommission des Tessiner Grossen Rates wurde darüber diskutiert, Beratungsstellen zu stärken, damit diese an Schulen über Beziehungen, Gefühle, Sexualität und gegenseitigen Respekt sprechen können. Eine solche altersgerechte emotionale und sexuelle Bildung kann dazu beitragen, sexualisierte Gewalt zu verhindern und Kinder und Jugendliche besser zu schützen. (3)
Ein Politiker der Mitte wandte sich mit einer Pasta-Metapher gegen den Vorschlag: Wenn ein Junge Trofie möge, werde er durch solche Bildungsangebote angeblich dazu gebracht, stattdessen Spaghetti zu mögen. Emotionale und sexuelle Bildung wurde damit nicht als Unterstützung für junge Menschen dargestellt, sondern als Versuch, ihre Identität und ihre Vorlieben zu manipulieren.
Dieses Beispiel zeigt einen typischen Mechanismus des Backlashs: Bildungsangebote, die Wissen, Selbstbestimmung und Schutz vermitteln sollen, werden als ideologische Beeinflussung umgedeutet.
Auch die Femizide im Tessin wurden während der Fragerunde thematisiert. Bis Juli 2026 wurden im Kanton drei Frauen von Männern aus ihrem persönlichen Umfeld getötet. (4)
Petralli unterschied dabei zwischen den Ursachen von Femiziden und dem Backlash. Femizide wurzeln vor allem in patriarchalen Besitzvorstellungen und in einer Kultur, die Kontrolle und Gewalt gegenüber Frauen legitimiert. Der Backlash zeigt sich hingegen darin, dass das Problem geleugnet, verharmlost oder bereits die Verwendung des Begriffs «Femizid» bekämpft wird. Die Diskussion über einzelne Wörter verdrängt dann die Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Gewalt.
Zur Sprache kamen auch elektronische Fussfesseln, bessere Schulungen für Polizeikräfte und gesetzliche Möglichkeiten, kontrollierendes und einschüchterndes Verhalten in Beziehungen früher zu erkennen. Denn häufig suchen Betroffene bereits Hilfe, bevor es zu körperlicher Gewalt oder schriftlich belegten Drohungen kommt – zu einem Zeitpunkt, an dem die Behörden nur begrenzte Möglichkeiten zum Eingreifen haben.
Was wir dem Backlash entgegensetzen können
Es gibt keine einfache Lösung gegen den antifeministischen Backlash. Aus dem Webinar lassen sich jedoch verschiedene konkrete Handlungsmöglichkeiten ableiten:
Fortschritte verteidigen: Erkämpfte Rechte dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Angriffe müssen früh erkannt und öffentlich zurückgewiesen werden.
Fakten zugänglich machen: Verständliche Informationen, Daten und konkrete Beispiele helfen, falsche Erzählungen zu widerlegen. Politische Bildung und Medienkompetenz müssen besonders an Schulen gestärkt werden.
Provokationen nicht unnötig verstärken: Nicht jede Empörung in den sozialen Medien verdient zusätzliche Aufmerksamkeit. Manchmal trägt die Reaktion erst dazu bei, eine Provokation weit zu verbreiten.
Allianzen bilden: Feministische Kollektive, Gewerkschaften, queere Organisationen, Bildungsinstitutionen und andere Teile der Zivilgesellschaft müssen zusammenarbeiten. Je besser progressive Kräfte vernetzt sind, desto schwieriger lassen sie sich einschüchtern oder gegeneinander ausspielen.
Wirksame politische Massnahmen durchsetzen: Aufklärung allein reicht nicht. Es braucht Gesetze, Schutzangebote, ausreichend finanzierte Beratungsstellen und Behörden, die Gewalt und Drohungen frühzeitig ernst nehmen.
Der Abend endete deshalb mit einer klaren Botschaft: Wir müssen wachsam bleiben, uns zusammenschliessen und dürfen uns von antifeministischen Erzählungen nicht zurückdrängen lassen. Ein Backlash zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen möglich sind. Umso wichtiger ist es, sie gemeinsam zu verteidigen.
Begriffe kurz erklärt
Manche politischen Begriffe sind nicht alltäglich. Hier erklären wir kurz, was sie in diesem Beitrag bedeuten.
Antifeminismus
Politische und gesellschaftliche Bestrebungen, die feministische Anliegen, die Gleichstellung der Geschlechter oder die Selbstbestimmung von Frauen und queeren Menschen ablehnen oder bekämpfen.
Backlash
Eine Gegenbewegung gegen gesellschaftliche Veränderungen und emanzipatorische Fortschritte. Bereits erreichte Rechte sollen abgeschwächt oder rückgängig gemacht werden.
Femizid
Die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts oder im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Macht- und Besitzverhältnissen. Häufig handelt es sich beim Täter um einen Partner oder ehemaligen Partner.
Manosphäre
Ein Netzwerk aus Onlineforen, Influencern und digitalen Gemeinschaften, in denen Männer häufig als Opfer des Feminismus dargestellt werden. Teile dieser Szene verbreiten frauenfeindliche und extrem rechte Inhalte.
Quellen:
(1) Susan Faludi, «Backlash: The Undeclared War Against American Women», 1991.
(2) «Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization» und die Folgen für den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in den US-Bundesstaaten.
(3) Kanton Tessin, Kommission für emotionale und sexuelle Bildung an Schulen; Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, «Educazione sessuale».
(4) RSI, «Presidio a Bellinzona contro i femminicidi», 21. Juli 2026.
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