Umstrittene Familie Sackler zieht in die Schweiz

In den USA werden die Pharma-Erben für die Opioidkrise mitverantwortlich gemacht. Im Berner Nobelskiort Gstaad finden die Sacklers nun Unterschlupf.

Wer vom Gstaader Dorfkern das Oberbort hoch fährt, passiert in der Nähe des Hotels Palace eine unscheinbare Einfahrt. Sie führt zur Residenz der Familie Sackler, den Eigentümern des US-Medikamentenherstellers Purdue Pharma. Das Magazin «Forbes» schätzt das Vermögen der Familie auf 13 Milliarden Dollar.

Ab Februar soll eines der beiden Chalets auf dem Anwesen zum festen Wohnsitz von Mortimer und Jacqueline Sackler geworden sein. Wie mehrere US-Medien berichten, habe das Ehepaar sein New Yorker Apartment Anfang Januar für 38 Millionen Dollar verkauft und sich nach Gstaad abgesetzt. Mortimer, der Sohn des verstorbenen und gleichnamigen Gründers von Purdue Pharma, habe sich am 22. Januar in einer E-Mail von seinen New Yorker Bekannten verabschiedet. «Wir würden uns freuen, euch entweder in Gstaad zu sehen oder anderswo in Europa», teilte er den Zurückgebliebenen mit.

Auch wenn das Ehepaar über einen Sprecher ausrichten liess, dass der Umzug nach Gstaad nur temporär sei und dass sie beabsichtigen, in naher Zukunft in die USA zurückzukehren, will das in der alten Heimat niemand so recht glauben. Die Sacklers sind in den vergangenen Jahren zum Feindbild einer ganzen Nation geworden. US-Medien sprechen sogar davon, dass die Sacklers «geflüchtet» sind.

Die Quelle des Reichtums

Mehr als tausend Klagen hat die Familie derzeit am Hals. Viele dieser Verfahren sind Sammelklagen, die von Städten, Bezirken und Staaten geführt werden. Experten und Direktbetroffene sehen in den Sacklers die Hauptverantwortlichen der grassierenden Opioidkrise in den USA. Die Familie weist diese Vorwürfe zurück. Nicht nur Mortimer Sackler, auch zwei seiner Schwestern sowie drei Cousins stehen im Visier der Justiz – sie alle gehörten der Geschäftsleitung von Purdue Pharma an.

Grund dafür ist das Medikament Oxycontin, ein Schmerzmittel, das eine stärkere Wirkung entfacht als Morphium. Es war zwei Jahrzehnte lang der Goldesel von Purdue Pharma und hat die Familie reich gemacht. Zugleich trieb das Medikament Tausende Menschen in die Sucht.

Oxycontin wurde bei seiner Lancierung in den USA aggressiv vermarktet. Der Vorwurf lautet, dass den Konsumenten eine falsche Sicherheit vorgetäuscht wurde. Statt als Schmerzmittel für Extremfälle wurde es als Pille für jedermann vermarktet. So gerieten Hunderttausende Menschen mit dem Sucht erregenden Schmerzmittel in Kontakt.

Ein Land im Notstand

Die Opioidkrise hat in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ein erschreckendes Ausmass angenommen. Zwischen 1999 und 2017 starben aufgrund von Schmerzmittelmissbrauch rund 400’000 US-Bürger – das entspricht mehr als der gesamten Bevölkerung Islands. Allein 2017 liessen 70’200 Menschen an einer Überdosis Schmerzmittel ihr Leben. In den USA ist inzwischen von einer Epidemie die Rede, Präsident Donald Trump rief kürzlich gar den nationalen Notstand aus.

Aufgrund der vielen Klagen beantragte Purdue Pharma im Herbst 2019 die Insolvenz. Laut den US-Behörden liess sich die Familie Sackler aber über die Jahre Gewinne von 12 bis 13 Milliarden Dollar auszahlen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Hunderte Millionen Dollar über Offshore-Firmen verschoben zu haben, um sich möglichen Schadenersatzansprüchen zu entziehen. Ein Teil dieser Gelder soll auch auf Schweizer Konten gelandet sein. Verschiedene Bundesstaaten haben deshalb nicht nur gegen die Firma, sondern auch gegen die Sacklers persönlich Klage eingereicht.

Festival zieht Notbremse

In der Schweiz haben die Sacklers schon seit längerer Zeit ein Standbein. Theresa, die dritte Frau des Firmengründers Mortimer Sackler, die auch zeitweise in Gstaad lebt, trat hier als Kulturmäzenin in Erscheinung. Das Menuhin Festival in Gstaad, dem sie jährlich 25’000 Franken spendete, teilte aber Anfang Jahr mit, dass man auf das Geld der Sacklers ab sofort verzichten werde. Nachdem bereits amerikanische und britische Kulturinstitutionen die Spenden zurückwiesen, hat die Leitung der Konzertreihe dem steigenden Druck nachgegeben.

Erstellt: 19.02.2020, 10:39 Uhr