Kohle zum Zmittag

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Ein gestern publizierter Bericht zeigt, dass die Helvetia immer noch neue Kohlekraftwerke versichert. Mit einer kreativen Aktion, die auf viel Medieninteresse stiess, haben wir sie zum sofortigen Kohleausstieg aufgefordert. Unter Druck liess die Helvetia schliesslich verlauten, dass sie keine neuen Kohlekraftwerke mehr versichere. Doch das reicht uns nicht.

Gester Mittag, 11:45 Uhr. Wir haben eine unbewilligte Aktion geplant beim Hauptsitz der Helvetia Versicherung und besprechen gerade die letzten Details. Unser Plan ist, ein grosses Banner in den Innenhof zu tragen und Rauchpetarden anzuzünden, um auf die klimaschädlichen Geschäfte der Versicherung aufmerksam zu machen. Um diese Zeit sind die meisten Mitarbeitenden in der Cafeteria, die nur durch eine grosse Glaswand vom Innenhof getrennt ist. Wir haben allerdings etwas Bedenken, die Büros der Angestellten vollzuqualmen und einen unnötigen Feuerwehreinsatz auszulösen. Schliesslich entscheiden wir uns, die Aktion vor dem Logo in etwas Abstand vom Gebäude durchzuführen und anschliessend, ohne Rauch, das Banner im Innenhof auszubreiten. Es läuft alles nach Plan und um 12:30 sind wir, ohne Polizei- und Feuerwehreinsatz, bereits wieder weg vom Gelände.

Helvetia als Schlusslicht

Hintergrund der Aktion ist ein Bericht, der das Netzwerk Insure Our Future, zu dem auch Campax gehört, gestern publiziert hat. Er basiert auf Daten zur Versicherung von Kohlekraftwerken des südkoreanischen Energieunternehmens KEPCO. Der Bericht zeigt, dass die Helvetia, eine der grössten Versicherungsgesellschaften der Schweiz, noch immer den Bau neuer Kohlekraftwerke versichert – oder dies zumindest bis vergangenen Oktober noch getan hat.

Die meisten Versicherungen haben Kohle längst ausgeschlossen und führen nun Policies gegen Öl- und Gas-Projekte ein. Die Helvetia dagegen stellte in den letzten drei Jahren 201 Mio. CHF für den Bau von neuen Kohlekraftwerken von KEPCO zur Verfügung, zuletzt im Oktober 2021. Damit befeuert sie nicht nur die Klimakrise weiter an, sondern untergräbt auch die Anstrengungen anderer Versicherungsgesellschaften, die bereits aus Kohle ausgestiegen sind.

Mit der gestrigen Aktion haben wir die Helvetia dazu aufgefordert, sofort damit aufzuhören, neue Kohlekraftwerke, den Kohlebergbau und damit verbundene Infrastrukturprojekte zu versichern. Auch die laufenden Geschäfte von Unternehmen, die noch neue Kohleprojekte entwickeln, müssen ausgeschlossen werden.

Too little, too late

Das Medieninteresse war gross. In kurzer Zeit erschienen verschiedene Berichte in Online-Medien, gegen Abend ein Fernsehbeitrag und heute Morgen mehrere gedruckte Zeitungsartikel. Das schien auch der Helvetia nicht zu entgehen. Obwohl wir ihr den Bericht bereits vorab zur Verfügung gestellt hatten, reagierte sie erst gestern Nachmittag. In einem Email schrieb sie, dass sie keine neuen Kohlekraftwerke mehr versichern würde und dass sie zu einem Gespräch mit uns bereit sei. Auf unsere Nachfrage, was dieser Entscheid genau beinhalte und ob er öffentlich nachvollziehbar sei, antwortete sie, die Policy würde erst in den kommenden Monaten publiziert, aber einige Details könne sie uns Anfang nächster Woche preisgeben.

Der Kommentar meines Kollegen von Insure Our Future dazu war „too little, too late“ – zu spät, zu wenig. Es ist erfreulich, wenn Helvetia keine neuen Kohlekraftwerke mehr versichert. Doch das ist nur der Nachvollzug dessen, was die meisten anderen Versicherungen bereits vor Jahren gemacht haben. Wir erwarten, dass sie jetzt mehr als einen kleinen Schritt machen und in der neuen Policy, die sie offenbar am erarbeiten sind, sowohl Kohle als auch Öl und Gas ausschliessen.

Hintergrundinformationen zum Bericht

Der heute vom internationalen Netzwerk Insure Our Future und der südkoreanischen Organisation Solutions for Our Climate veröffentlichte Bericht analysiert Dokumente, die vom Büro des südkoreanischen Nationalversammlungsmitglieds Soyoung Lee zur Verfügung gestellt wurden. Sie enthalten Einzelheiten zu Versicherungsverträgen für fünf Kohlekraftwerksprojekte des koreanischen Energieunternehmens KEPCO. Regierungen, Versicherer und Versicherungsmakler geben normalerweise keine Informationen darüber preis, welche Unternehmen welche Projekte versichern, so dass der Bericht einen einzigartigen Einblick in in den Kohlemarkt bietet.

Grosse Namen steigen aus, aber andere rücken nach

Die gute Nachricht: Der Bericht demonstriert, dass Versorgungsunternehmen zunehmend Schwierigkeiten haben, eine Versicherung für den Bau neuer Kohlekraftwerke ausserhalb Chinas zu finden. Die schlechte: Kleinere, unerfahrene sowie besonders rücksichtslose Versicherungen springen in die Lücke. Peter Bosshard, globaler Koordinator von Insure Our Future und Autor des Berichts, sagt: «Grosse internationale Versicherer haben sich aus Kohleprojekten zurückgezogen und wurden durch eine willkürliche Koalition der Willigen ersetzt, die aus einigen wenigen globalen Klimaverweigerern, kleinen Spezialversicherern und verschiedenen Unternehmen aus dem globalen Süden besteht.»

Schweizer Versicherungen involviert

Schweizer Versicherer haben den Bau von drei neuen KEPCO-Kohlekraftwerken mit insgesamt 1.173 Milliarden USD gedeckt. Zurich und Swiss Re haben allerdings nur das erste, Nghi Son 2, im März 2018 unterstützt. Danach haben beide Versicherungen Kohleausstiegs-Politiken beschlossen. Nicht so Helvetia: Die Versicherung stellte jeweils 2 % der Deckung für KEPCOs Kohlekraftwerk Jawa 9 &10 in Indonesien (Dezember 2019) und Vung Ang 2 in Vietnam (Oktober 2021) zur Verfügung, insgesamt 201 Mio. $ (siehe Bericht S. 14 & 15).

Seit dem Start der Kampagne Insure Our Future im Jahr 2017 haben mindestens 39 Versicherer ihre Deckung für neue Kohleprojekte beendet oder eingeschränkt. Indem Versicherungen wie Helvetia weiterhin neue Kohlekapazitäten versichern, untergraben sie die Klimaschutzmassnahmen verantwortungsbewussterer Versicherer und binden den Planeten langfristig an die Klimazerstörung.

Kohle: Klimakiller Nr. 1

Kohle ist die grösste Einzelquelle für Kohlenstoffemissionen. Um das 1,5°C-Klimaziel des Pariser Abkommens zu erreichen, muss der Kohleverbrauch um 9,5 % pro Jahr sinken. Laut der Internationalen Energieagentur sind keine Investitionen in die Produktion neuer fossiler Brennstoffe mit diesem Ziel vereinbar. Dennoch warnt sie, dass die Kohlenachfrage im Jahr 2022 ein Allzeithoch erreichen und bis 2024 auf diesem Niveau bleiben könnte.

Asien steht im Zentrum der globalen Kohleverstromung und -entwicklung. 91 % aller weltweit geplanten oder im Bau befindlichen Kraftwerke (414 GW von 457 GW) und 73 % der in Betrieb befindlichen Kohlekraftwerke (1.518 GW von 2075 GW) entfallen auf Asien. KEPCO ist ein wichtiger Akteur, der Kohlekraftwerksprojekte in mehreren asiatischen Ländern entwickelt und betreibt und Versicherungen auf dem Weltmarkt abschliesst.

Der Bericht fordert die Versicherungen dazu auf, ihre Geschäftstätigkeit in Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens zu bringen. Dazu müssen sie

  • sofort aufhören, neue Kohlekraftwerke, Kohlebergwerke und die dazugehörige Infrastruktur zu versichern;
  • aufhören, den Betrieb von Unternehmen zu versichern, die neue Kohlekraftwerke entwickeln;
  • die Versicherung des Betriebs von Kohleunternehmen einstellen, die bis Ende 2022 keine Ausstiegspläne im Einklang mit glaubwürdigen 1,5°C-Pfaden angenommen haben.

Über Insure Our Future
Insure Our Future ist eine globale Kampagne von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen, die die Versicherungsbranche für ihre Rolle in der Klimakrise zur Verantwortung ziehen. Wir fordern die Versicherungsunternehmen auf, die Versicherung neuer fossiler Brennstoffe sofort einzustellen und die Unterstützung für bestehende Kohle-, Öl- und Gasprojekte auslaufen zu lassen. Erfahren Sie mehr unter global.insure-our-future.com.

Über Solutions for Our Climate
Solutions for Our Climate (SFOC) ist eine gemeinnützige Organisation und Mitglied von Insure Our Future. Ihr Ziel ist es, die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Klimawandels zu bekämpfen. SFOC erforscht Lösungen für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen sowie den Ausbau erneuerbarer Energien und koordiniert Kampagnen mit nationalen und internationalen Organisationen zur Bewältigung der Klimakrise.

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