Forever Sihlquai: Chronik eines Mieter:innenkampfes

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Was bisher geschah:

Es hat sich viel bewegt an der belebten und geschichtsträchtigen Strasse gleich neben der Limmat. Eine Chronik:  

Mitte November 2020: Kündigung aus heiterem Himmel

Mitten in der Pandemie erhalten wir die Kündigung – aus dem Nichts. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Selbst die Schreinerei, die noch über einen Mietvertrag bis November 2022 verfügt, erhält eine mündliche Kündigung auf Ende März 2021 (die später zurückgezogen wird). Für das Prozedere hat sich Coop Immobilien einen gelinde gesagt „speziellen“ Ort ausgesucht: Im Büro in der obersten Etage des Kornspeichers, dem dritthöchsten Gebäude der Schweiz, mit Blick auf die ganze Stadt und die Alpen werden den Mieter:innen die Kündigungen unterbreitet. Ein baldiger Termin für die Schlichtungsstelle zu erhalten, um wenigstens eine Fristerstreckung zu erreichen, ist kurz vor Weihnachten nicht mehr möglich. Bei vielen Mieter:innen herrschen Angst und existenzielle Verunsicherung. Wir beginnen uns zu organisieren.  

11. Dezember: Brief an den Zürcher Stadtrat

Die Frage, wie wir auf die Pläne von Swissmill/Coop reagieren sollen, mündet in einem Schreiben an den Stadtrat. Da Coop unser Kommunikationsangebot ins Leere laufen lässt, wenden wir uns an die Politik. Noch gut sind uns die blumigen Worte in Erinnerung, mit denen der Stadtrat den Bau des brutalistischen Betondenkmals vor unserer Nase unterstützt hatte. Es liegt auf der Hand; wenn der Stadtrat den „attraktive[n] Nutzungsmix“ aus Wohnen, Gewerbe und Industrie im Kreis 5 zu erhalten versucht, dann sind wir dort an der richtigen Adresse. Immerhin verspricht der Vorsteher des Hochbaudepartements André Odermatt in seinem aktuellen Strategiepapier: „Deshalb sichert die Stadtplanung im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten und in Verhandlungen mit Grundeigentümerinnen und -eigentümern einen angemessenen Anteil gemeinnütziger Wohnungen und sichert dem Gewerbe Flächen, die nicht durch Büros konkurriert werden.“ Ende Januar bekommen wir Antwort: Es gäbe für den Stadtrat nicht genügend politische Argumente um der Sache weiter nachzugehen – für uns ist das eine herbe Enttäuschung.  

4. Februar 2021: Lancierung der Petition «Forever Sihlquai» auf ACT

Bereits kurz nach Lancierung der Petition erhalten wir grosse Unterstützung aus dem Quartier und auch aus dem Gemeinderat. Viele Medien berichten über die Situation am Sihlquai und unsere Petition, die zum Ziel hat die Wohnhäuser in ihrer jetzigen Nutzung zu erhalten. Beim Unterschriftensammeln auf der Strasse erhalten wir grossen Zuspruch für unser Anliegen, auch per Mail und per Post kommen aufmunternde Nachrichten und ausgefüllte Unterschriftsbögen.  

17. März: Überreichung des Postulates „Runder Tisch“

Das Postulat im Gemeinderat für einen Runden Tisch, welches am 3. Februar 2021 von 11 mitunterzeichnenden Gemeinderät:innen eingereicht worden ist, wird mit grosser Mehrheit im Zürcher Stadtparlament als „dringlich“ eingestuft. Das Postulat verlangt vom Stadtrat André Odermatt einen Runden Tisch zwischen Swissmill, Coop Immobilien, der Stadt Zürich und den Mieter:innen und soll die Zukunft der Häuser am Sihlquai 280/282 hinsichtlich einer „Koexistenz von Wohnen, Gewerbe und Industrieproduktion“ neu verhandeln. Vor der Abstimmung im Gemeinderat sind wir mit einer symbolischen Teilübergabe unserer Petition «Forever Sihlquai» mit bereits über 7’400 gesammelten Unterschriften an den Stadtrat präsent, um unserem Anliegen Nachdruck zu verleihen.

22. April: Petitionsübergabe an Swissmill CEO Romeo Sciaranetti

Es war Romeo Sciaranetti sichtlich unangenehm, dass sich trotz der frühen Morgenstunden bereits so viele Menschen am Sihlquai zusammengefunden haben, um die Mieter:innen bei der Übergabe der Peti- tion «Forever Sihlquai» zu unterstützen. Knapp 9’000 Unterschriften kamen in weniger als 3 Monaten zu- sammen. Der Druck auf Swissmill und Coop zu handeln wächst.

7. Mai: Intermezzo Housing AG fährt ein

Coop treibt es endgültig auf die Spitze: Über Umwege wird bekannt, dass Coop die Firma Intermezzo Housing AG beauftragt hat, die leer stehenden Wohnungen am Sihlquai bis März 2022 zwischen-zunutzen. Die Wohnungen sollen an „Expats und Studenten“ zwischenvermietet werden – und das bis zu 60% höherem Mietzins als zuvor. Es gibt Wohnungsbesichtigungen, ohne dass die Mie-ter:innen, die noch im Haus leben, informiert worden sind. Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle be-reits vertriebenen und die verbleibenden Mieter:innen am Sihlquai.  

9. Mai: Häuser besetzt!

Es ging alles sehr schnell: Am Sonntagabend werden die leer stehenden Wohnungen am Sihlquai von Unbekannten besetzt. Wenn auch von der Situation überrascht, anerkennen wir wie gesittet und ruhig die ganze Aktion über die Bühne ging. Wir sehen und spüren: Es sind auch andere Ak-teur:innen auf den Plan getreten – Die Solidarität in der Stadt ist gross! Die Besetzung wurde bereits am nächsten Tag polizeilich geräumt. Das Haus wird fortan von einer Security-Firma bewacht.  

Coming soon: 27. Mai, Runder Tisch

Am 27. Mai wird ein Runder Tisch mit Coop Immobilien, Swissmill CEO Romeo Sciaranetti, dem Stadtrat André Odermatt und uns Mieter:innen und Quartiervertreter:innen stattfinden. Coop verspricht in ihrem Verhaltenskodex, der für die ganze Coop-Gruppe gilt, „soziale Verantwortung“ zu übernehmen. Auch steht dort: „Wir pflegen gegenseitigen Respekt, Ehrlichkeit und Integrität.“ Bisher hatten wir andere Erfahrungen mit Coop gemacht. Wir hoffen, dass die vielen Lippenbekenntnisse nicht nur Phrasen bleiben. Für Coop bietet sich die einmalige Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren. Es bleibt spannend!

Spenden für den Bericht zur sozialen Nachhaltigkeit am Sihlquai und das Denkmalschutzgutachten

Diese Berichte dienen in unserem weiteren Kampf als Instrumentarium, um die Menschen am Machthebel davon zu überzeugen dieses wahnsinnige Bauprojekt fallen zu lassen, so dass die Häuser am Sihlquai 280/282 weiter Zuhause von Menschen und dem Handwerk sein können. Hilfst Du uns, die kosten diesen Recherchen zu decken?

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