Engagiert bleiben, ohne auszubrennen: Psychische Gesundheit im Aktivismus
Wer sich für eine gerechtere Welt einsetzt, braucht Ausdauer, Überzeugung und manchmal auch starke Nerven. Doch politisches Engagement kann viel Kraft kosten. Gesellschaftliche Rückschritte, Anfeindungen und das Gefühl, nie genug zu tun, können auf Dauer zu einer erheblichen psychischen Belastung werden. Wie können wir damit umgehen und langfristig aktiv bleiben, ohne unsere eigene Gesundheit zu vernachlässigen?
Mit dieser Frage beschäftigten wir uns am 24. September 2026 bei unserem Workshop «Schutz der psychischen Gesundheit als Aktivist*in» im Stadtkloster Frieden in Bern. Gemeinsam mit PD Dr. phil. Julia Müller, Psychotherapeutin und Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, diskutierten wir über die besonderen Herausforderungen politischen Engagements und Möglichkeiten, besser mit Stress umzugehen.
Auch in Gesellschaft und Politik erleben wir solche Rückschläge. Häufig treten sie nach gesellschaftlichen Fortschritten auf. Denn Veränderung liegt nicht im Interesse aller. Fortschritt stellt bestehende Ordnungen infrage und verändert Machtverhältnisse. Das wiederum bedroht die Interessen jener, die vom bisherigen System profitieren. Sie versuchen deshalb, frühere Verhältnisse wiederherzustellen.
Um diese Dynamik besser zu verstehen, haben wir unsere Veranstaltungsreihe zum Thema Backlash ins Leben gerufen.
Um über Migration und Asyl zu sprechen, war Sophie Guignard, politische Sekretärin von Solidarité sans frontières, bei uns zu Gast. Am 27. August leitete sie in Lausanne einen Workshop. Hier fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Wenn Engagement zur Belastung wird
Aktivist*innen setzen sich häufig mit grossem persönlichem Einsatz für gesellschaftliche Veränderungen ein. Gleichzeitig sind sie mit begrenzten Ressourcen, politischen Rückschlägen, Anfeindungen und teilweise enormen Erwartungen an sich selbst konfrontiert.
Julia Müller zeigte auf, dass gerade im Aktivismus eine «Es reicht nie»-Mentalität entstehen kann. Angesichts riesiger gesellschaftlicher Probleme erscheint der eigene Beitrag manchmal verschwindend klein. Perfektionismus, Selbstzweifel und das Gefühl, ständig mehr leisten zu müssen, können zusätzlichen Druck erzeugen.
Langfristiger Stress kann sich dabei ganz unterschiedlich äussern: durch Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder zunehmenden Zynismus. Umso wichtiger ist es, die eigenen Warnsignale frühzeitig zu erkennen und ernst zu nehmen.
Drei Wege zu einem gesünderen Umgang mit Stress
Im Zentrum des Workshops stand ein Modell mit drei Ansätzen zur Stressbewältigung:
- Stressursachen reduzieren: Aufgaben besser verteilen, Prioritäten setzen, klare Grenzen zwischen Engagement und Freizeit ziehen und innerhalb der Gruppe für unterstützende Strukturen sorgen.
- Eigene Erwartungen hinterfragen: Perfektionismus abbauen, Fehler zulassen und akzeptieren, dass niemand allein sämtliche gesellschaftlichen Probleme lösen kann.
- Bewusst neue Kraft schöpfen: Regelmässige Pausen, Bewegung, ausreichend Schlaf, soziale Kontakte oder Entspannungsübungen können helfen, Belastungen auszugleichen.
Dabei wurde deutlich: Es gibt keine Patentlösung, die für alle gleich gut funktioniert. Jede Person muss herausfinden, welche Strategien zur eigenen Situation passen. Gleichzeitig liegt die Verantwortung nicht nur bei den Einzelnen. Auch Organisationen und politische Gruppen müssen Bedingungen schaffen, die langfristiges Engagement ermöglichen.
Gemeinsam lernen und aufeinander achten
Neben den fachlichen Inputs bot der Workshop Raum für persönliche Erfahrungen und den gegenseitigen Austausch. Die Teilnehmenden diskutierten über eigene Herausforderungen, teilten bewährte Strategien und überlegten gemeinsam, wie sie sich selbst und andere besser unterstützen können.
Besonders gefreut hat uns, dass die Gespräche auch nach dem offiziellen Ende weitergingen. Es wurde angeregt diskutiert und voneinander gelernt. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass viele mit neuen Ideen und Anregungen nach Hause gingen.
Eine wichtige Erkenntnis des Abends: Wer sich langfristig für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen möchte, muss auch auf die eigene Gesundheit achten. Pausen, Erholung und persönliche Grenzen sind kein Zeichen mangelnden Engagements. Sie helfen uns vielmehr, auch in Zukunft mit Kraft und Freude aktiv zu bleiben.
Ein herzliches Dankeschön an Julia Müller und alle Teilnehmenden für diesen bereichernden Abend und den offenen Austausch!