Wir müssen queere Rechte verteidigen
Am 1. September fand das sechste Webinar unserer Veranstaltungsreihe «Gemeinsam Widerstand gegen den Backlash aufbauen» statt.
Prof. Dr. Tabea Hässler vom Schweizer LGBTIQ+ Panel zeigte eindrucksstark, wie der Backlash gegen queere Menschen schiesst, wer ihn wie vorantreibt und was wir dagegen tun können.
Das Fazit: Die Bewegung geht in beide Richtungen. Wir sehen einerseits immer mehr Verbesserungen, Anerkennung und progressive Veränderungen, andererseits ist der Druck und der Angriff auf queere Rechte nicht von der Hand zu weisen.
Der Backlash reicht vom queerfeindlichen Narrativ der SVP in der Schweiz bis hin zum Extrem – zum Beispiel die Todesstrafe für homosexuelle Menschen in Uganda.
Inhaltsverzeichnis
Die Situation queerer Menschen
Die guten News zuerst: In vielen progressiven Ländern haben queere Menschen in den letzten Jahren mehr Rechte bekommen und die Akzeptanz steigt. (1)
So hat Thailand dieses Jahr die Ehe für alle legalisiert und in Nepal gibt es seit neustem einen 3. Geschlechtseintrag.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Es findet eine Polarisierung statt. Während einige Länder die LGBTIQ+ Community besser schützen, werden in anderen Ländern queere Rechte in Frage gestellt und angegriffen. Wir erleben gerade einen weltweit koordinierten Angriff auf die Rechte von queeren Menschen, finanziert und koordiniert von einflussreichen, rechtsextremen, ultrakonservativen, fundamentalistisch-religiösen Gruppen. (2)
Weltweiter Angriff
Die USA unter Trump ist wohl eines der Beispiele, das vielen direkt in den Sinn kommt. Von transfeindlichen Gesetzen, über das „Don’t say gay“ Gesetz in Florida, das Aufklärung in Schulen verhindert, bis hin zu extremen Eingriffen in die Forschung – seit Trumps zweiter Amtszeit ist die Situation für queere Menschen in den USA unsicher. (3)
In Australien werden die Rechte von trans Menschen eingeschränkt und queere Menschen von rechtsextremen Gruppen bedroht. Auch in Neuseeland werden die Rechte von trans Menschen angegriffen und „Hate speech“ hat klar zugenommen.
In Uganda wurde „schwere Homosexualität“ unter die Todesstrafe gestellt, und auch in Burkina Faso und Ghana werden queere Menschen für ihre Sexualität inhaftiert. (4)
Argentinien strich das Ministerium für Frauen, Geschlecht und Diversität und will den 3. Geschlechtseintrag wieder rückgängig machen.
Die Situation in Afghanistan ist ebenfalls schrecklich: Unter den Taliban werden queere Menschen bis zum Tod verfolgt!
Klar ist auch: Der queerfeindliche Angriff macht auch in Europa nicht Halt. Zuletzt erschütterte uns der Anschlag auf den CSD in Berlin, aber es gab beispielsweise auch in Serbien Angriffe auf queere Lokale und Pride-Organisator*innen erhielten Morddrohungen.
Und in der Schweiz?
Eine grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung (83%) spricht sich für die Gleichstellung und Schutz von LGBTIQ+ Personen aus. (5)
Wir haben ausserdem in den letzten Jahren einige Schritte getan: Die Ehe für alle, Adoption für gleichgeschlechtliche Paare, Schutz vor Diskriminierung (sexuelle Orientierung) und die erleichterte Änderung des Geschlechtseintrags (nur binär).
Offen bleibt immer noch ein 3. Geschlechtseintrag, wir haben noch kein Verbot von Konversionstherapien (ist in Diskussion) oder ein Verbot von aufschiebbaren Operationen an intergeschlechtlichen Kindern.
Aber natürlich bleiben auch hier queere Menschen nicht vor Angriffen und Hass verschont: Angriffe auf „gender affirming care“ für trans Menschen, ein (versuchtes) Verbot vom Genderstern. Aktuell stehen ausserdem Mitglieder der rechtsextremen Jungen Tat vor Gericht, weil sie an einem Pride-Gottesdienst und einer Drag-Vorlesestunde für Kinder Störaktionen veranstaltet haben.
Muster und Narrative
Die Anti-LGBTIQ-Bewegung versucht mit ihrer Bild- und Wortwahl vor allem eines: Spaltung, Ekel und Hass hervorzurufen, indem sie emotionalisierte Inhalte wie Kinderschutz (oder auch die Sicherheit von cis-Frauen) als Vorwand für queerfeindliche Inhalte nutzen.
Worte wie Gender-Gaga, Woke-Wahnsinn, Diskussionen wie Aufklärungsunterricht, Sport, Umkleideräume und Toiletten – all das sind Themen, die extrem verzerrt und überemotionalisiert dargestellt werden.
Zu beobachten ist auch, wer zuerst angegriffen wird: trans Menschen stehen aktuell am meisten unter Beschuss. Aber das ist nur der Anfang. Die Hetze wird schnell ausgeweitet auf alles, was nicht dem heteronormativen, konservativen Familienbild entspricht.
Die Strategie dahinter? Indem gleiche Rechte als Sonderrechte oder Privilegien umgedeutet werden, ist Gleichstellung plötzlich nicht mehr Gleichstellung, sondern eine Sonderbehandlung von queeren Menschen (oder Frauen oder anderen marginalisierten Gruppen). Und diese emotionalisierten, stark vereinfachten Inhalte werden so lange wiederholt, bis genügend Menschen sie glauben.
Was macht all das mit queeren Menschen?
Politische Kampagnen gegen LGBTIQ-Personen führen zu mehr Diskriminierung. Diese kann sowohl subtil, als auch offen sein, beabsichtigt oder unbeabsichtigt , strukturell und nicht-strukturell. Deswegen steigt für queere Menschen zum Beispiel die Angst sich zu outen und die Angst vor Ablehnung. Diese Diskriminierung und Angst haben widerum einen negativen Einfluss auf die Gesundheit, die Lebenszufriedenheit und die berufliche Leistung von queeren Menschen. (6)
Die Nein-Kampagne zur Ehe für alle hat beispielsweise zu einem messbaren Anstieg von körperlichem Stress bei queeren Menschen geführt. (7)
Und auch die Auswertung der Schweizer LGBTIQ+ Panel Umfrage zeigt: 65% machen sich Sorgen um die Zukunft. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass gleichzeitig 44% Hoffnung haben! (8)
Falls du mehr zur Umfrage 2025 vom Schweizer LGBTIQ+ Panel erfahren willst, findest du hier alle Infos.
100 Franken, 1 Woche Zeit, (d)eine Stimme
Egal ob du an eine queere Organisation spendest, ein lokales Event unterstützt, dich regelmässig für queere Rechte einsetzt oder bei queerfeindlichen „Witzen“ und Aussagen dagegenhältst: Jeder Beitrag zählt.
Die wichtigsten Punkte
- Trete gegen Spaltung und für ein Miteinander ein
- Hassbotschaften nicht weiter streuen
- Wissen vermitteln, Desinformation aufklären
- Empathie fördern und Perspektivenwechsel
- Wechsle das Narrativ: Weg vom politischen („Freedom of speech“), hin zum respektvollen Miteinander („Ich spreche mein Gegenüber respektvoll an, so wie die Person sich das wünscht“).
- Wir-Botschaften: Es geht nicht um eine „kleine Minderheit“, sondern um Menschen in meinem/deinem Umfeld und ein gesellschaftliches Miteinander
- Intersektionalität: Diskriminierung findet auf vielen verschiedenen Ebenen statt. Wir wollen Vielfalt sichtbar machen und uns nicht gegenseitig bekämpfen.
- Allies sind wichtig: Nutze deine Stimme, wenn marginalisierte Menschen nicht (sichtbar) im Raum sind.
- Gönn dir eine Pause, wenn du sie brauchst. ❤️
Schweizer LGBTIQ+ Panel
Tabea Hässler und Léïla Eisner führen nun bereits zum sechsten Mal eine Umfrage zur Situation von queeren Menschen in der Schweiz durch.
Auf ihrer Website findest du den neusten Bericht von 2025, die aktuelle Befragung 2026 und noch viel mehr Infos.
Begriffe kurz erklärt
Manche Begriffe sind nicht alltäglich. Hier erklären wir kurz, was sie in diesem Beitrag bedeuten.
LGBTIQ+
Die Abkürzung steht für lesbische, schwule (gay), bisexuelle, trans, intergeschlechtliche, queere Personen und Angehörige einer anderen sexuellen und/oder geschlechtlichen Minderheit.
trans
Personen, deren Geschlechtsidentität sich von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheidet. Non-binäre Personen können sich als trans verstehen oder nicht.
intergeschlechtlich
Eine Person mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen (Hormonen, Chromosomen sowie inneren und äusseren Geschlechtsorganen), die von den typischerweise erwarteten Merkmalen männlicher oder weiblicher Körper abweichen.
Backlash
Eine Gegenbewegung gegen gesellschaftliche Veränderungen und emanzipatorische Fortschritte. Bereits erreichte Rechte sollen abgeschwächt oder rückgängig gemacht werden.
Hate speech
Auf Deutsch „Hassrede“, beschreibt jede Art von Kommunikation – sei es in Wort, Schrift oder durch Verhalten –, die angreift oder abwertende bzw. diskriminierende Sprache in Bezug auf eine Person oder eine Gruppe verwendet, und zwar aufgrund dessen, wer sie sind. Also ufgrund ihrer Religion, Ethnie, Nationalität, Hautfarbe, ihres Geschlechts, Behinderung oder anderer Identitätsmerkmale.
Die Diskriminierung aufgrund der Ethnie, sexuellen Orientierung oder Religion sind in der Schweiz nach Art. 261bis im Strafgesetzbuch strafbar.
Quellen:
(1) ILGA World Annual Report 2025
(2) Flores, A. R., Carreno, M. F., & Shaw, A. (2023). Democratic backsliding and LGBTI acceptance.; Velasco, K. (2023). Transnational backlash and the deinstitutionalization of liberal norms: LGBT+ rights in a contested world.
(3) 2026 anti-trans bills tracker; ABC News, 2022: ‚What parents are they supporting?‘: Moms speak out against ‚Don’t Say Gay‘ law; https://pen.org/banned-words-list/
(4) ILGA World Annual Report 2025; BBC, 30.05.2026: Ghana’s parliament passes anti-LGBTQ+ bill
(5) gfs Zürich, 2025: Befragung zu den Themen Gleichstellung, Diskriminierung und Konversionsmassnahmen
(6) Meyer, I. H. (2013). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations
(7) Eisner, L., Fischer, S., Juster, R. & Hässler, T. (2024). The impact of marriage equality campaigns on stress: Did a Swiss public vote get under the skin?
(8) Eisner, L. & Hässler, T. (2025). Swiss LGBTIQ+ Panel – Abschlussbericht 2025.
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